80 Jahre ELISABETH-HEIM

Vertraut den neuen Wegen

Dieses bekannte Kirchenlied ist das diesjährige Motto der Stephanus-Stiftung und der Feste in den Einrichtungen.
Die Frage nach dem richtigen Weg stellt sich immer wieder in unserem Leben: Ob es gewohnte oder weit reichende Entscheidungen, ob es persönliche oder das Wohl der Gemeinschaft betreffende Angelegenheiten sind – die nächsten Schritte müssen gut bedacht sein. Der ganze Liedtext fasst zusammen, was Gott dem Volk Israel an der Grenze zum gelobten Land sagt: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht. Dieser Vers ist für 2006 als Jahreslosung ausgewählt.

80 Jahre Elisabeth-Heim

Entscheidungen müssen wir auch in unserer Kinderarbeit ständig treffen. Neue, auch manchmal unsichere Wege werden immer wieder beschritten, oft ohne sich der Zielerreichung sicher zu sein. Hinter jeder Ecke lauern wieder viele Richtungen.
Die Kinder- und Jugendhilfe ist einem stetigen Wandel unterworfen; sie ist ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Veränderungen und entwickelt sich mit ihr.
Kinder wachsen in einer sich wandelnden Gesellschafts- und Wirtschaftsstruktur auf, die einem Teil von ihnen keine oder nur geringe Chancen an gesellschaftlicher Teilhabe bietet. Eine steigende Anzahl wächst bereits in ihren Familien unter Bedingungen relativer Armut auf - also unter Bedingungen, die bestenfalls Existenzsicherung zulassen.
Die Kinder, die in unseren Familiengruppen leben, erfuhren meistens weder in ihren Familien noch in der sozialen Umwelt Orientierung durch gesellschaftlich verbindliche und gelebte positive Werte wie Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit und solidarisches Handeln. Viele kommen aus Familien ohne unterstützende Eltern, orientierende Regeln, verlässliche Beziehungen, Sicherheit und Geborgenheit.
Um dem sich immer weiter entwickelnden Hilfebedarf für Kinder und deren Eltern gerecht zu werden, hat auch das Elisabeth-Heim in seiner nunmehr 80jährigen Geschichte durch bewusstes Wahrnehmen der Problemlagen sein konzeptionelles Angebot stets weitergebildet.
Als wichtige Epochen stehen hierbei:
1926 – Entbindungsheim zur Unterstützung lediger Mütter, 1954 – Kleinkinder- und Säuglingsheim, 1990 – Kinder- und Jugendheim mit betreutem Wohnen, seit Mitte der 90er Familiengruppen mit innewohnender Erzieherin.
Im Zusammenhang mit der Schaffung von zukunftsfähigen und wirtschaftlichen Strukturen unter den Bedingungen immer knapper werdender finanzieller Mittel sind viele Fragen aufgetaucht, die auch beunruhigen.

Vertraut den neuen Wegen!

Was wird jedoch den Kindern, die aus ihrer Familie in eine Einrichtung umziehen, abverlangt?
Ein Kind weiß nichts von den Hintergründen, warum eine Heimgruppe genau so und nicht anders entstanden ist bzw. sich so entwickelt hat. Es wird mit Betreuern konfrontiert, die es bei seiner Aufnahme erstmals kennen lernt und die von diesem Zeitpunkt an als mitbestimmende Personen in sein Leben eintreten und dann als verbindliche und nun zuständige Bezugspersonen zu akzeptieren sind. Ebenso trifft es hier auf andere Kinder, die sich einige Zeit vorher ebenfalls auf diese neue Lebensform eingelassen haben. Diese Alltagspartner wurden weder selbst ausgewählt, noch sind sie durch familiäre Bindungen begründet. Das Kind erfährt also eine gravierende Veränderung seines Lebensumfeldes. Sich - Eingewöhnen, Sich - Arrangieren, Sich - Vertrautmachen sind einige Beschreibungsbegriffe dieses Prozesses. Um diese Eingewöhnungsphase sowie das weitere Leben in der Gruppe optimal zu begleiten, ist eine verlässliche, vertraute Bezugsperson sehr wichtig. Deshalb lebt in jeder Familiengruppe eine Erzieherin gemeinsam mit ihrer eigenen Familie. Durch die Nähe des Zusammenlebens und den gemeinsamen Wohnraum ist sie für die Kinder somit ganztägig feste Bezugsperson und Ansprechpartnerin, die Sicherheit und Identifikationsmöglichkeiten bietet, die - da ihr „Elternsein“ ihr Beruf ist - Zeit für sie hat und eine den Verhaltensauffälligkeiten der Kinder entsprechende pädagogische Ausbildung besitzt.
Für die Kinder eröffnet sich damit die Chance, durch die konstante Umgebung einen eigenen Lebensbereich, geeignete Vorbilder und verlässliche Beziehungen aufzubauen und Verhaltensauffälligkeiten und emotionales Fehlverhalten abzubauen. Sie erleben täglich eine funktionierende Familie mit den Alltäglichkeiten (Mithilfe im Haushalt, Planung und Durchführung von Unternehmungen und Einkäufen, ...) und fühlen sich nicht in einem Erziehungsprozess.

Vertraut den neuen Wegen!

Wir müssen den sozialen Entwicklungstendenzen folgen. Jedoch müssen wir uns ständig neu fragen, ob wir uns mit treiben lassen sollen oder ob es nicht richtig ist, unserer Arbeit selbst einen ganz bestimmten Willen aufzuzwingen, um ihr eine ganz bestimmte Richtung zu geben.
Auch wenn heute jede Leistung nachgewiesen und abgerechnet werden muss, ist eines nicht abzurechnen: Der Wärmestrom verstehenden Zuhörens, ermutigender Worte und tröstender Umarmung. Dieser Dienst wird auch zukünftig unbezahlbar sein.
Im Namen der Kinder, Jugendlichen und Mitarbeiter möchte ich mich persönlich bedanken. Ich danke allen, die uns geholfen haben im Gebet, in ehrenamtlicher Arbeit oder auch mit einer Spende. Es gibt täglich Kraft und Zuversicht, wenn wir spürbar weiterleben, was unsere Berufung in der Diakonie ist: den schwachen, behinderten und jungen Menschen zu dienen. Ich bin sehr dankbar darüber, dass viele ungenannte Menschen fürsorglich und aufopferungsvoll Liebe verschenkt haben.
Ob Geld- oder Sachspenden: jede Zuwendung hilft in erster Linie, die Entwicklungsbedingungen der Kinder im Elisabeth-Heim weiter zu verbessern.
Damit Sie sich ein persönliches Bild von uns machen können, möchte ich Sie zu unserem Kinderfest am 9. September ab 14.00 Uhr ganz herzlich einladen.

Lutz Böhme