Die Seele berühren - Gottesdienste für Menschen mit Demenz

Gemeindeorientierte Christen und aufmerksame Leser des Gemeindeboten wissen von der Vielfalt gottesdienstlicher Formen in unseren Kirchen. Wir feiern Gottesdienste für und mit Familien, Kindern, Jugendlichen, Senioren, der Kirche fernstehenden Menschen, ... ...
Das Gottesdienstmodell für Menschen mit Demenz wurde im Jahre 2002 in Fredersdorf entwickelt. Was einst auf Wunsch der Mitarbeiter der „Pflegewohnanlage für Demenzkranke“ in kleinem Rahmen in der Kirche begann, wuchs zu einem monatlichen Angebot (siehe Terminkladde), zu dem derzeit auch Senioren aus den Einrichtungen in Vogelsdorf und Strausberg gebracht werden. Auch Studenten der evangelischen Religionspädagogik lernten im Gemeindepraktikum in Fredersdorf diese besondere Form der Seelsorge kennen, die z.B. zum Thema einer Examensarbeit wurde.
Ja, als Seelsorge im umfassenden Sinn lassen sich diese Gottesdienste bezeichnen. Diese beginnt schon mit dem Hören auf den Klang der Glocken, dem Raumerleben. Auch wenn kaum jemand der Senioren in Fredersdorf groß geworden ist, der Altar mit Blumen und Kerzen, die Orgelmusik, die Kirchenbank, das Gesangbuch in den Händen, der Geruch des Raumes und anderes mehr sind starke Erinnerungsträger. Hier kommt dem Ort selbst eine therapeutische Funktion zu und beginnt der Gottesdienst schon, bevor der Pfarrer vor den Altar tritt. In betont ruhiger und den Menschen zugewandter Weise werden alte Texte aus der noch präsenten Kindheitserinnerung miteinander gesprochen, gebetet, gesungen. Dies oft von den Senioren in einer Vollkommenheit, die erstaunt und die mitanwesenden Betreuer zu Lernenden macht. Ein Gegenstand mit symbolischer Aussage, jedem Einzelnen überreicht, hilft, ins Gespräch zu kommen. Langzeiterinnerungen werden in Wort und Gefühl erinnert, dann aufgenommen und mit einem seelsorgerlichen Zuspruch verknüpft. Im verbalen und emotionalen Erinnern von frühesten Geborgenheitserlebnissen berühren sich lebensgeschichtliche und religiöse Erfahrungen. Wie ja auch die christliche Religion (ebenso wie das Judentum) aus dem Erinnern lebt. Aus dem Rückblick auf die Geschichte Gottes mit den Menschen, aus dem Rückblick auf das Leben Jesu, seinen Tod und seine Auferstehung. Nichts anderes geschieht in all unseren Gottesdiensten in verschiedensten Weisen. In dieser speziellen Form eben viele Sinne ansprechend: tastend, sehend, hörend, riechend oder auch schmeckend.
Der hierbei erfahrene, erlebte Zuspruch berührt und erfüllt nicht nur die an Demenz erkrankten Menschen sondern oft auch die Mitarbeiter der Einrichtungen und die ehrenamtlichen Mitgestalter des Gottesdienstes durch Orgelspiel, Chorgesang und Begleiter der Senioren.

Rainer Berkholz