Hannah Arendt zum 100. Geburtstag

Hannah Arendt, die deutsch-jüdische Historikerin und politische Philosophin, ist am 14. Oktober 1906  in Hannover geboren. Vor dem Nationalsozialismus flüchtete sie 1933 aus Deutschland. Ihr wissenschaftliches Werk ist den Ursprüngen von totaler Herrschaft und Antisemitismus gewidmet. Mit ihrer Berichterstattung über den Eichmann-Prozess in Jerusalem erregte Hannah Arendt 1961 großes Aufsehen. Ihr Buch "Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen" bricht mit der Vorstellung, dass hinter dem Bösen eine dämonische Willenskraft stünde. Eichmann ist ein Bürokrat, der als Rädchen in einer Vernichtungsmaschinerie funktioniert hat.
Sie starb am 4. 12. 1975 in New York.

"Das Entscheidende ist der Tag gewesen, an dem wir von Auschwitz erfuhren. Das war 1943. Und erst haben wir es nicht geglaubt. Obwohl mein Mann und ich eigentlich immer sagten, wir trauen der Bande alles zu. Dies aber haben wir nicht geglaubt, auch weil es ja gegen alle militärischen Notwendigkeiten und Bedürfnisse war. Mein Mann ist ehemaliger Militärhistoriker, er versteht etwas von den Dingen. Er hat gesagt, lass dir keine Geschichten einreden; das können sie nicht mehr! Und dann haben wir es ein halbes Jahr später doch geglaubt, weil es uns bewiesen wurde. Das ist der eigentliche Schock gewesen. Vorher hat man sich gesagt: Nun ja, man hat halt Feinde. Das ist doch ganz natürlich. Warum soll ein Volk keine Feinde haben? Aber dies ist anders gewesen. Das war wirklich, als ob der Abgrund sich öffnet. Weil man die Vorstellung gehabt hat, alles andere hätte irgendwie noch einmal gutgemacht werden können, wie in der Politik ja alles einmal wieder gutgemacht werden kann. Dies nicht. Dies hätte nie geschehen dürfen. Und damit meine ich nicht die Zahl der Opfer. Ich meine die Fabrikation der Leichen und so weiter – ich brauche mich darauf ja nicht weiter einzulassen. Dieses hätte nicht geschehen dürfen."

(Aus einem Interview mit Günter Gaus im Oktober 1964)